|
|
 |
Archäologische und bauhistorische Untersuchungen in der Frauenkirche
zu Mühlberg/Elbe (Landkreis Elbe-Elster)
Im Rahmen der Sanierung der Frauenkirche in Mühlberg, der heutigen
Stadtpfarrkirche, wurde der Innenraumbereich im mittleren und westlichen
Bereich des Baus um ca. 0,40 m ausgekoffert, um einen neuen Aufbau für
die alten Fußbodenplatten zu schaffen. Zudem sollte eine Heizungsanlage
eingebaut werden, dabei mussten fünf Sondagen angelegt werden. Die
Bodeneingriffe wurden dabei von archäologischen Dokumentationsarbeiten
begleitet, deren Ergebnisse hinsichtlich der Baugeschichte des Gotteshauses
von besonderer Wichtigkeit waren, da sie bis dato unbekannte Erkenntnisse
erbrachten.
In der chronologischen Darstellung der Befunde müssen jedoch verschiedene
Pfostenstellungen sowie eine Feuerstelle erwähnt werden, die in
den anstehenden Boden eingetieft waren und aus der Zeit vor der Gründung
der Neustadt Mühlbergs stammten. Sie entstanden also in den Jahren
vor 1250/1270 und belegten somit frühe Siedlungstätigkeiten
in diesem Bereich.
Wenn in der Schriftliteratur die Gründung der Neustadt Mühlbergs
durch das auf der Burg in Mühlberg ansässige Vasallengeschlecht
von Pack in die Zeit um 1250/1270 gelegt wird (Vinken 2000, S. 669-672),
so ist die Jahresangabe gleichzeitig als terminus ad quem für die
Errichtung eines ersten Kirchenbaus zu verstehen. Dieser der Maria geweihte
Vorgängerbau des heutigen Gebäudes lag an zentraler Stelle
im spätmittelalterlichen Stadtgrundriss der in der Art eines Straßendorfs
angelegten Neustadt. Dessen Zentrum wird noch immer aktuell durch den
Markt, das Rathaus und die Pfarrkirche gebildet, ein Nebeneinander, wie
es für die im 13. Jahrhundert gegründeten Städte (z.b.
Herzberg, Finsterwalde, Liebenwerda) im heutigen Elbe-Elster-Kreis typisch
ist.
Von dem Vorgängerbau der späteren Frauenkirche wusste man lediglich,
dass er um 1430 zerstört worden war, darüber hinaus hatte man
jedoch keinerlei Kenntnisse über Größe, Gestalt, Baugeschichte,
etc. (Vinken 2000, S. 669-672). Anhand der Ergebnisse der wissenschaftlichen
Untersuchung ändert sich nun aber dieses Bild. Sie ergaben, dass
es sich bei besagtem Vorgängerbau um einen aus Backsteinen errichteten
Saalbau mit eingezogenem Chor und vorgelagertem Westturm gehandelt hat.
Dabei konnte das östliche Chorende nicht ergraben werden. Das Langhaus
der Kirche war 15,00 m lang und 12,00 m breit, der 7,00 m breite Chorbereich
konnte über eine Mindestlänge von etwa 10,00 m verfolgt werden.
Das hier archäologisch nachgewiesene Gotteshaus gehört zu einer
Gruppe von spätromanischen Backsteinkirchen, die in und um Mühlberg
herum errichtet wurden. Deren Stifter waren stets die Grafen von Ileburg,
die als Burgvögte in Mühlberg eingesetzt worden waren und die
nähere Umgebung als Besitz innehatten. Diese hatten im Jahre 1228
auch das Zisterzienser-Nonnenkloster in Mühlberg, das spätere
Kloster Marienstern, gegründet. Die Neustadt Mühlbergs wurde
wiederum durch das Ilenburgsche Vasallengeschlecht von Pack gegründet,
die somit wohl auch als Stifter der Kirche in der Neustadt Mühlbergs
angesprochen werden kann. Zur angesprochenen Gruppe der im 13. Jahrhundert
aus Backstein errichteten Kirchenbauten gehören u.a. Altenau-Boragk
(um 1200), Burxdorf (2. Viertel 13. Jahrhundert), Gräfendorf (Mitte
13. Jahrhundert), Kirchhain (um 1200), Koßdorf (Mitte 13. Jahrhundert),
Martinskirchen (Anfang 13. Jahrhundert) und Saxdorf (Anfang 13. Jahrhundert).
Mühlberg muss in dieser Reihe scheinbar als jüngster Bau angesehen
werden, das es wohl erst in den Jahren ab 1250/1270 erbaut wurde. Aufgrund
der oben angegebenen Breite des Langhauses von 12,00 m handelte es sich
wohl aber auch um das größte Gebäude aus der Gruppe.
Lediglich Burxdorf weist mit einem 10,00 m breiten Langhaus eine vergleichbare
Größe auf. In Martinskirchen beträgt das entsprechende
Maß 7,50 m, in Saxdorf etwa 8,50 m.
Die Ostwand des Saales des Mühlberger Vorgängerbaus wies einstmals
eine Öffnung zum eingezogenen Chorbereich auf, die anhand der vorgefundenen
Mauerfragmenten besagter Ostwand auch nachgewiesen werden konnte. So
hatte der südliche Abschnitt der Wand eine Länge von etwa 3,00
m, der nördliche wies ebenfalls diese Länge auf. Da jedoch
beide Schmalseiten an ihrem südlichen bzw. nördlichen Ende
der Schmalseite jeweils Abbruchkanten hatten, dürften sie ursprünglich
etwas länger gewesen sein. Zumindest an der Nordseite des südlichen
Abschnitts der Ostwand ließ sich über eine Länge von
etwa 0,50 m noch der Ausbruchgraben der Wand in Planum 1 nachweisen. Überträgt
man diese Länge konsequenterweise auch auf den nördlichen Teil
der Ostwand, so kann dergestalt eine Wandöffnung mit einer Breite
von ca. 3,50 m belegt werden. Der frühgotische Saalbau in Burxdorf
weist an entsprechender Stelle ein Maß von 3,90 m auf, in der etwas älteren
Kirche in Martinskirchen hat die Öffnung zwischen Saal und eingezogenem
Chor dagegen eine Breite von 3,00 m.
Das Mauerwerk der Kirche war aus Backsteinen unterschiedlichen Formats
(Größen bis zu 0,28 x 0,12 x 0,07 m) – teilweise Handstreichziegel – und
Backsteinfragmenten errichtet worden, das Bindemittel bestand aus einem
gelbgrauen, teilweise stark mit Sand gemagerten Lehmmörtel. Letztgenannter
wies als Zuschlagstoff noch einen geringen Anteil an Ziegelflitter auf.
Die Steinsetzungen waren vollständig durchmauert und hatte eine
Stärke von 1,00 m (südlicher Abschnitt der Ostwand) bis 1,26
m (nördlicher Abschnitt der Ostwand), die Nordmauer wies ein entsprechendes
Maß von 1,18 m auf. Aussagen zur Stärke der Südwand können
dagegen nicht getroffen werden, da hier nur die nördliche Außenseite
der Mauer freigelegt werden konnte. Die unterschiedlichen, im Bereich
der Ostwand festgestellten Mauerstärken überraschen und können
zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Diskussion nicht weiter interpretiert
werden.
In einem Fall gelang es, den Fundamentgraben der Südwand des Chores
nachzuweisen, die Befundsituation gab Auskünfte über die Art
des Bauens im ausgehenden 13. Jahrhunderts. So war nachzuvollziehen,
dass nach Aushebung des Fundamentgrabens der untere Teil des nahezu vollständig
aus Backsteinen bestehenden Fundaments in Gestalt von zwei in Sand gesetzten
Rollschichten errichtet wurde, der Fundamentgraben wurde dabei sukzessive
verfüllt. In Höhe der Oberkante der oberen der beiden Rollschichten
befand sich in der Verfüllung des Fundamentgrabens eine bis zu 0,08
m starke Schicht aus Lehmmörtel. Erst oberhalb dieses Bauhorizonts
hatte man die Backsteine des Fundaments lagenweise in einem Lehmmörtel
gesetzt, der teilweise einen hohen Anteil grobkiesigem Sand aufwies.
Die wenigen noch vorhandenen Lagen des aufgehenden Mauerwerks sprangen
dabei etwa 5 cm aus der Flucht des Fundamentes zurück.
Der Verzicht auf Feldsteine als Bestandteil des Fundamentes eines Kirchenbaus
kann als überraschend bezeichnet werden, da im heutigen Elbe-Elster-Kreis
entsprechende Vergleichsbeispiele fehlen.
Der Kirche war ein Westturm vorgelagert, der anhand der Fragmente seiner
West- und Ostwand nachgewiesen werden konnte. Es handelte sich jeweils
um ein durchmauertes Bruchsteinmauerwerk, dessen an der erkennbaren Außenseite
grob abgeflachte Steine unterschiedlicher Größe tendenziell
lagenweise vermauert waren, dabei war im Mauerverband lediglich ein Backsteinfragment
nachzuweisen. Die Steine hatte man mit einem mit Sand gemagerten Kalkmörtel
gesetzt, Zuschlagstoffe waren nicht zu erkennen. Die Westwand war vollständig
durchmauert, die Mauerstärke betrug 1,30 m. Die Steine waren relativ
ordentlich verfugt, d.h. der Mörtel quoll nicht aus den Fugen hervor.
Die etwa 1,60 m starke, vollständig durchmauerte Ostwand konnte
dagegen nur im Planum dokumentiert werden, sie ließ an ihrer Oberkante
Reste einer Ausgleichslage aus Dachziegelfragmenten erkennen.
Die Befundsituation gab keine Auskunft darüber, ob besagter Turm
die Breite des Langhauses des Vorgängerbaus aufwies. Lediglich das
Längenmaß konnte nachvollzogen werden, es betrug ca. 3,50
m. Dies entspricht etwa der Länge des Westturms der Kirche in Martinskirchen.
Dem Saal des Vorgängerbaus zuzuordnen war möglicherweise die
kleinere Steinsetzung, die nahe der Südostecke des Langhauses im
Planum dokumentiert wurde. Es handelte sich um ein aus Feld- und Bruchsteinen
unterschiedlicher Größe bestehendes Fundament, dabei waren
die Steine in einem Kalkmörtel gesetzt worden. Die Grundrissform
kann näherungsweise als rechteckig (0,60 x 0,80 m) bezeichnet werden.
Die Lage in der Fläche im Zusammenspiel mit der Zuordnung zu den
Wänden des Vorgängerbaus lässt möglicherweise eine
Interpretation als Kanzelfundament zu. Da jedoch datierbare Begleitfunde
fehlten, kann diese Aussage nur mit der gebotenen Vorsicht getroffen
werden. Denkbar wäre auch eine Deutung als Fundament einer Vorgängerkanzel
der jetzigen, aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts stammenden
Kanzel, die aktuell nur wenige Meter entfernt an der Südwand des
heutigen Langhauses liegt. Eine zweifelsfreie Verifizierung konnte hier
nicht vorgenommen werden.
Wohl noch im ausgehenden Mittelalter wurde die Kirche abgetragen oder
zerstört, der genaue Grund konnte nicht nachvollzogen werden. Die
alsbald einsetzende Errichtung eines neuen Gotteshauses vollzog sich – wie
in der Literatur stets angegeben – als sechsjochige Saalkirche
mit einem 3/8-Chorschluß scheinbar in drei Etappen. Zunächst
wurde der östliche Teil des Gebäudes aufgemauert, genauer gesagt
handelte es sich hier um die drei östlichen Joche. Es folgte der
Bau des westlichen Langhausabschnittes und abschließend – in
einer dritten Bauphase – die Aufführung des Turmes. Die bodendenkmalpflegerischen
Untersuchungen ergaben, das die drei westlichen Joche des Neubaus auf
den Mauerresten des Vorgängerbaus errichtet worden waren. Das Langhaus
des Vorgängerbaus wie auch der westliche Teil der heutigen Frauenkirche
haben also dieselbe Breite.
Während der archäologischen Untersuchungen konnten in den Sondagen
mehrere Pfostenstellungen dokumentiert werden, die als Rüstlöcher
interpretiert wurden. Das Befundspektrum wurde zudem durch vier Gräber
ergänzt. Hier handelte es sich um zwei aus Backsteinen errichtete
Grüfte mit Tonnengewölbe sowie um zwei größere Bestattungen,
bei denen man jeweils eine Grabgrube im Kircheninnenraum aushob.
Der Fußboden des Neubaus bestand aus Porphyrplatten unterschiedlicher
Größe und Form, von denen wenige Reste entlang der Außenmauern
noch vorhanden waren. Ergänzt wurde dieser Befund durch kleinere
Bereiche, die einen Backsteinfußboden aufwiesen, es war jedoch
nicht nachzuvollziehen, ob diese gleichzeitig oder erst später entstanden
waren. Die jüngere Baugeschichte der Frauenkirche zeigte sich anhand
einer Abwasserleitung, bestehend aus zwei gemauerten Schächten und
einer aus Tonrohren bestehenden Rohrleitung, die in die Jahre nach 1945
zu datieren waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Flüchtlinge
in der Kirche untergebracht. In diesem Zusammenhang wurde auch besagte
Abwasserleitung eingebaut.
Literatur:
Aghte, Markus: Grabungsbericht Mühlberg/Elbe, Ldkr. Elbe-Elster,
Frauenkirche, Fpl. 31, Cottbus 2004
Vinken, Gerhard u.a. (Bearb.): Georg Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler:
Brandenburg, München/Berlin 2000, S. 669-672
|
 |